Wir brauchen die Höhenretter

Umfangreiche Alarmübung an der Luhdener Klippe/ Neue Erkenntnisse gewonnen / Extreme Herausforderung / 50 Retter im Einsatz

Im Internet kursieren viele Videos mit Action, die einen starken Nervenkitzel versprechen. So auch über Kletterer in Felswänden. „Das kann doch nicht so schwer sein“, dachte sich Hugo Tripp am Donnerstagabend und wollte es an der Nordwand der Luhdener Klippe ausprobieren. Mit einer im Internet gekauften Ausrüstung stieg er von der steilen Felswand ab. Doch da passierte es: Er rutschte ab und das Abseilgerät verfing sich. Es ging weder vor, noch zurück – er ist gefangen in 20 Metern Höhe an der steilen Felswand. Seine Freundin versucht ihm zu Hilfe zu eilen, doch rutscht ab, stürzt einen kleinen Vorsprung hinunter und bleibt verletzt auf einem Plateau liegen.

Ein Mountainbiker sieht das Geschehen und setzt sofort den Notruf ab. Die Leitstelle in Stadthagen alarmiert daraufhin sofort die Rintelner Feuerwehr. Als Ortsbrandmeister Thomas Blaue auf der Anfahrt die Lage von der Leitstelle geschildert bekommt, reagiert er sofort und gibt die Rückmeldung „Wir brauchen die Höhenretter der Höhenrettungsgruppe Schaumburger Land sowie die Absturzsicherungsgruppen Bückeburg und Rinteln“. Wenige Sekunden später schrillen bei den Spezialisten für Höhen- und Tiefenrettung in Bergdorf, Bückeburg, Cammer, Möllenbeck, Rinteln, Rodenberg, Scheie und Todenmann sowie beim THW Rinteln die Alarmempfänger.
Was zu diesem Zeitpunkt nur wenige wussten: Es handelt sich bei der Menschenrettung um eine Alarmübung, in der die Zusammenarbeit zwischen den Absturzsicherungsgruppen sowie der Höhenrettungsgruppe Schaumburger Land geprobt werden soll. Mit dabei sind auch 2 Rettungswagen des Deutschen Roten Kreuzes sowie die Örtliche Einsatzleitung Rettungsdienst.

Auch die beiden vermeintlichen Opfer sind keine Laien, sondern selbst ausgebildete Spezialisten für Höhenrettung sowie Untertagerettung in Bergwerken.

Bevor die Rettungsaktion im Wald anlaufen kann, müssen die Einsatzkräfte zunächst den Weg in den Wald finden. Am Notfalltreffpunkt 2 erwartet der Radfahrer die Einsatzkräfte und lotst sie in den Wald. Von Rintelner Seite können die Einsatzkräfte über Waldwege bis fast an die Einsatzstelle fahren. Der Mercedes Unimog Gerätewagen beweist sich dabei wieder einmal als unverzichtbare Ressource. Anders hingegen für die Einsatzkräfte aus Bückeburg und Rodenberg. Sie fahren von der Luhdener Seite die Einsatzstelle an. Ab der Autobahnbrücke geht es für sie zu Fuß den Berg hinauf. „Jeder Helfer hat dabei rund 30 Kilo Ausrüstung dabei“, erklärt Übungsorganisator Frank Schubert die schweißtreibende Arbeit.

Schnell wird klar, dass im Bereich Absturzsicherung und Höhenrettung die Einsatzkräfte nicht nur fachlich sondern auch sportlich trainiert sein müssen.

Allerdings keine Zeit zum Verschnaufen. Es zählt jede Sekunde bei der Rettung der Verunfallten. Sofort nehmen Einsatzkräfte durch Rufen Kontakt mit den Verunfallten auf, und geben ihnen Anweisungen um weitere Verletzung zu verhindern.
Doch Hektik ist fehl am Platz, ruhig und besonnen müssen die Einsatzkräfte vorgehen, um die Rettung erfolgreich durchzuführen. Die Einsatzleitung im Einsatzleitwagen der Feuerwehr Rinteln teilt die nach und nach eintreffenden Rettungskräfte in 3 Teams auf.

Die erste Gruppe kümmert sich um den verletzten Kletterer Hugo. Er muss schnellstmöglich aus dem Seil gerettet werden, um kein Hängetrauma zu erleiden. Hierzu seilt sich ein Höhenretter zu dem Verunfallten ab, bindet ihn in sein Seilsystem ein und lässt sich anschließend gemeinsam mit ihm zu Boden. Dort ist nun Eile gefragt, schnell müssen Erste Hilfe Maßnahmen eingeleitet werden. Die Kauerstellung als Lagerung für einen verunfallten Patienten mit Verdacht auf ein Hängetrauma beherrschen alle Einsatzkräfte der eingesetzten Fachgruppen.

Unterdessen haben die Kräfte der Feuerwehr Todenmann eine Sicherung an einer Schräge aufgebaut. Hier können nun die Kräfte des Rettungsdienstes, samt medizinischer Ausrüstung, langsam und gesichert den Hang absteigen, um zu dem geretteten zu kommen. Vorsichtige und bedacht müssen alle Einsatzkräfte arbeiten, da Laub, Bruchholz und lose Steine bei jeder Berührung ins Rutschen geraten können.

Gleiche Prozedur haben weitere Einsatzkräfte auch bei der verunfallten Freundin aufgebaut, um die Rettungsdienstmitarbeiter zu der Schwerverletzten Frau zu bringen. „Dies war eine neue und sehr lehrreiche Erfahrung für die Kollegen“, berichtet der Abschnittsleiter Rettungsdienst Michael Wöbse.

Während die umfangreiche Versorgung der beiden verunfallten läuft, bereiten die Höhenretter die Rettung vor.

Zunächst muss die lebensgefährlich verletzte Frau gerettet werden. Hierzu bauen die Einsatzkräfte eine Seilbahn entlang des Hangs mit zwei Seilen auf. Anschließend lässt sich Höhenretter Christian Rust mit einer Krankentrage zum Unfallort ab. Der schwerste Part der Rettung steht bevor, die schwer verletzte Kletterin muss möglichst bewegungsfrei umgelagert werden, Sauerstoffmasken, EKG-Kabel und venöse Zugänge dürfen dabei nicht abreißen. „Auf dem beengten Platz an der Schräge mit losem Untergrund war das eine Herausforderung“ berichtet Rust hinterher.

Nachdem dieser Schritt geschafft ist, gleiten die zwei an der Seilbahn zu Boden. Dabei ist ständig Absprache mit den Leuten oben und unten den Seilen erforderlich, um die Rettungsaktion erfolgreich zu gestalten. Während der Rettung muss Rust die Situation der Patientin überwachen und gegeben falls handeln. „Alle Einsatzkräfte sind in erweiterter Erste Hilfe ausgebildet, eine Vielzahl der Retter verfügt außerdem über eine rettungsdienstliche Ausbildung“, berichtet der Leiter der Höhenrettungsgruppe Sven Thiele.

Nachdem beide am Boden angekommen sind, wird die Patientin von einer weiteren Rettungswagenbesatzung übernommen und ins Krankenhaus gebracht. „Im Realfall wäre der Weg zur nächsten Straße noch eine weitere Hürde gewesen, wofür zusätzliches Personal gebraucht wurden wäre.“ erklärt Thiele

Zeitgleich haben weitere Einsatzkräfte Lichtmasten aufgebaut, um in der einsetzenden Dämmerung weiterhin gefahrlos arbeiten zu können. Dies ist auch erforderlich, da die Rettung des verunfallten Hugos noch einige Zeit in Anspruch nimmt.
Während der Rettungsdienst ihn weiter versorgt, bauen oberhalb der Klippen der Einsatzkräfte ein großes Dreibein auf. Hierüber soll die weitere Rettung absolviert werden. Zahlreiche Sicherungsseile für den Retter und die Krankentrage müssen gespannt werden und mit Personal besetzt werden. Schnell wird klar die 50 eingesetzten Rettungskräfte sind nicht zu viele. Alle haben während der 4 stündigen Rettungsübung alle Hände voll zu tun.

Nachdem alle Sicherungen aufgebaut und geprüft wurden, kann sich Höhenretter Arne Volkmann aus Rinteln mit der Krankentrage abseilen, um den verletzten Hugo zu retten. Gemeinsam mit dem Rettungsdienst wird der Verletzte auf der Trage gelagert und gesichert, bevor es den Berg wieder hinauf geht. Die vielen Vorsprünge an der Kante erweisen sich als besondere Herausforderung, immer wieder müssen die Kräfte am Seilen mit den heraufziehen warten, damit die Trage um positioniert werden kann.

Nachdem auch diese Rettung erfolgreich absolviert ist, beginnen die Einsatzkräfte mit dem Rückbau. Im Anschluss ging es in das Feuerwehrhaus Exten, wo ein kleiner Imbiss vorbereitet war.

Bei der Auswertung zeigten sich die Verantwortlichen zufrieden mit der Leistung. „Es sind einige Fehler und Schwachpunkte aufgedeckt wurden, die wir nun bearbeiten werden“ berichten Sven Thiele und Frank Schubert und fügen hinzu „Genau dafür haben wir diese Übung gemacht.“

Auch die Übungsbeobachter zeigten sich zufrieden. Michael Blaue sprach allen Einsatzkräften sein Lob aus „Ich war fasziniert, dass ihr bei der Vielzahl der Seile immer wusstet, welches das richtige ist“

Text und Bilder: Steffen Titze, Stadtpressewart Feuerwehr Bückeburg